Erfahrungsberichte vom (Über-)Leben mit 10 Kindern, 2 Riesenschnauzern und meinem sehr speziellen Ehemann

Monat: April 2024 (Seite 2 von 2)

Der Opa geht Plasma spenden

Letztes Wochenende habe ich meinen Mann mit einigen Kindern vor die Türe gesetzt. Es ging zuhause drüber und drunter. Mein Mann spielte mit den Kindern Fußball im Flur und die Emotionen kochten hoch. Keiner der Bengel kann verlieren und mein Mann schon gar nicht. Es endete in einem Mix aus Fußball, Rugby und Judo. Die diversen Beschimpfungen lasse ich einmal außen vor. Klassischer Fall von „Bis eins heult“. Also raus mit ihnen. Mein Mann fuhr mit ihnen auf eine Laufbahn und ließ sie sich austoben. Er selbst saß während dieser Zeit auf einer Parkbank in der Sonne neben seinem „Kleinen König“, unserem Fünfjährigen. Sie führten Männergespräche. Etwas Bewegung hätte ihm sicher auch nicht geschadet, aber gut.

Diverse Spaziergänger gingen an den beiden vorbei. Einer jedoch sprach die beiden an: „Das sieht man direkt, da sitzt der Kleine mit seinem Opa auf der Bank und genießt das Leben“. Die durchweg gute Laune der beiden trübte sich ein. Mein Mann drehte sich um und schaute nach hinten. Aber da war niemand. „Ich hoffe sie meinen nicht mich, oder machen einen Scherz“ antwortete er dem Fremden kühl. „Ach, dann sind sie wohl der Onkel?“ „Ne, die Biene Maja“. Jetzt war mein Mann angestachelt. „Wonach sieht es denn aus?“ „Der Vater vielleicht?“ Die Stimme des fremden Spaziergängers war nun eingeschüchtert. „Natürlich“ schaltete sich der Kleine König ein. Heimlich still und leise zog der Spaziergänger nun mit seinen Hunden von dannen. Mein Mann rief mich sofort an und meinte zu mir: „Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist“. Er erzählte mir alles im Detail und meinte: „War das nett?“ Wohl eher nicht, entgegnete ich und kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Meine Beschwichtigungen liefen ins Leere und bis heute denkt er darüber nach. Seine noch verbliebenen Haare kontrolliert er nun täglich. Bilder von hinten, aus erhöhter Position sind schon seit einiger Zeit nicht mehr gewünscht, da er seinen lichten Hinterkopf nicht akzeptieren will. Vor ein paar Jahren hatte er ein Bild von sich selbst am Tisch gesehen – von hinten. Entsetzen pur.

Mir erging es indes auch nicht besser. Die Kinder überzeugten mich davon, dass ich einen Instagram-Account bräuchte. Gesagt, getan. Ich legte ihn an und bekam nahezu postwendend eine Nachricht von einem „Vorname_Nachname_1995“-Account. Inhalt: Hallo, ich bin… und Single. Irgendwie süß, aber das Profilbild zierte das Logo des KSC. Damit ohnehin schon ein NoGo. Ich amüsierte mich königlich über die Nachricht und zeigte sie den Kindern. Daraufhin unser Ältester zu mir: „Mama, hast Du Dein Alter hinterlegt? Oder ein Bild? Dann bekommst Du solche Nachrichten garantiert nicht mehr.“ Kein Problem, das Testament ist mittlerweile von mir entsprechend angepasst worden. Mistkerl…

Für meinen Mann kam es aber noch schlimmer. Bei einem Spaziergang durch Koblenz entdeckte er vor Kurzem ein Zentrum für Plasmaspende. Dazu muss man wissen, bevor ich ihn kennenlernte, ging er regelmäßig zur Blutspende beim DRK. Im Laufe der Zeit kam er nicht mehr dazu, oder es ging unter. Wie auch immer, er war nun wieder bester Dinge und wollte etwas Gutes tun. Also hin und erstmal einen Termin zur ärztlichen Untersuchung vereinbart. Dabei kam Bluthochdruck zum Vorschein, klassisches Problem älterer Herrschaften. Auf die sonstigen „Altherrenkrankheiten“ gehe ich separat ein. Mein Mann entgegnete der Dame am Blutdruckmessgerät: „Ich gehe eher davon aus, dass ihre Messgeräte hier in die Jahre gekommen sind“. „So wie sie“ kam zurück. Die Begeisterung für’s Plasmaspenden war komplett dahin. Trotz allem ließ er sich zu einer Erstspende überreden. 1,5 bis 2 Liter Wasser sollte man im Vorfeld trinken. Wasser trinken und mein Mann, das ist an sich schon eine Geschichte für sich. Immer, aber wirklich immer, wenn er Wasser trinkt, endet das in einer wahren Pinkelorgie. Funktioniert lustigerweise nur mit Wasser. Pinkelorgie meine ich genau so wie ich es sage. Er trinkt ein Glas Wasser und gefühlte fünf kommen wieder raus. Das an sich wäre ja nicht so schlimm, der enge Zeitablauf jedoch macht es spannend. Nach dem Trinken passiert erstmal nichts, aber dann, so nach fünfzehn Minuten geht es los. Ich schicke ihn also auch immer mit den Kindern nochmal auf die Toilette bevor wir unterwegs sind. Es dauert keine fünf Minuten und wieder Pipi. Danach werden die Abstände kürzer, die WC-Odyssee beginnt.

Der Tag der Spende war gekommen, die Vorbereitungen starteten früh morgens. So gegen 8 Uhr begann mein Mann damit, Wasser zu trinken. Bis gegen 9 waren die ersten eineinhalb Liter getrunken. Noch war alles gut. Die Pipiorgie startete pünktlich wie immer und nach einiger Zeit schien das Problem gelöst. Er machte sich auf den Weg nach Koblenz. Nach genau 7 Minuten im Auto hielt er an und erleichterte sich am Straßenrand. „Hui, das ging gerade nochmal gut“ meinte er. Keine fünf Minuten später: „Ei ei ei, jetzt pressiert es aber“. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Autobahnparkplatz und los geht’s. Ich dachte wir kommen nie mehr an. Jetzt reichte es bis zu McDonalds an der B9. Keine zehn Minuten später, am LöhrCenter angekommen, im wilden Galopp auf die Toilette. Ich konnte nicht mehr an mich halten, ich musste so sehr lachen. Es ging nicht mehr. Der blanke Stress stand meinem Mann ins Gesicht geschrieben. Die Entfernungen wurden ab sofort nur noch in Toilettenstopps berechnet. Es war großartig, zumindest für mich. Jetzt waren es nur noch 10 Minuten zu Fuß bis zum Spendezentrum. Das sollte doch gehen. Weit gefehlt, jetzt wurde gerannt. Dort angekommen, ging es sofort auf die Toilette. Als wäre es noch nicht komisch genug, wurde ihm auch noch eine Capri Sonne angeboten, die er im Vorfeld der Spende trinken sollte. „Das lassen wir mal lieber“ meinte mein Mann, es sei denn sie verlegen auch Katheter während der Spende. Jetzt startete das übliche Prozedere vor einer Spende, jeweils nur unterbrochen von weiteren Toilettengängen. „Reiß dich mal zusammen, ist das peinlich mit dir“ schaltete ich mich ein. „Ich könnte schon wieder“ kam zurück. Interessanterweise konnte ich mir in allen Schwangerschaften anhören, dass ich mich diesbezüglich doch bitte nicht so anstellen solle. Die Problematik ist mir also bekannt. Mein Mitleid hielt sich allerdings massiv in Grenzen. Jetzt war alles zu spät, er wurde aufgerufen. Mein Mann gleich nochmal auf die Toilette. „Da kann doch jetzt wirklich nichts mehr kommen“ wurde ich deutlich. „Hast du eine Ahnung“ bekam ich als Antwort. „Geht es Ihnen gut?“ „Klar, etwas Harndrang, aber sonst alles in Butter“. „Das hören wir häufiger von älteren Herrschaften, das ist in ihrem Alter ganz normal“. Die Stimmung kippte. Erst als Opa tituliert und jetzt das. Er überstand die Spende ohne Unterbrechungen. Aber kaum war sie zu Ende, ihr wisst schon…

Der 1. FC Kaiserslautern

Mich hat Fußball nie groß interessiert wenn ich ehrlich bin. Meine einzige wirkliche Begegnung mit Fußball war als Kind im Dorf. Da um mich herum hauptsächlich Jungs waren, mit denen ich mich locker in allem messen konnte, war Fußballspielen auf dem örtlichen Bolzplatz natürlich ein Thema. Ich konnte zwar nicht spielen, aber foulen konnte ich hervorragend. Deshalb wurde ich auch immer ziemlich schnell in eine Mannschaft gewählt. Weniger aus Überzeugung, mehr aus Angst ich könnte in der gegnerischen Mannschaft auflaufen. Irgendwann begann ich auch meine Mannschaftskollegen zu foulen und musste deshalb ins Tor.

Als ich meinen Mann kennenlernte, machte der mir gleich folgendes klar: „Mein Beziehungsstatus ist weder verheiratet, vergeben, getrennt oder geschieden. Es ist der 1. FCK. Die einzige, ehrliche und ewige Liebe in meinem Leben“. Die nächste Frage war: „Wo kommst Du eigentlich her?“. Ich antwortete mit Baden. „Karlsruhe und Freiburg? Nicht Dein Ernst! Wenn Du mir mit sowas kommst, kannst Du gleich wieder gehen.“ Ich war einigermaßen irritiert, hatte ich doch mit Fußball so gar nichts am Hut. „Kein FCK-Fan? – Was es alles gibt“ kam zurück. Er akzeptierte den Status Quo. Mir wurde schnell klar, sich diesem Thema zu verschließen war unmöglich. Ich war an einen Fußball-Fanatiker geraten.

Irgendwann schlug ich ihm einen Wochenendausflug vor. „Wann?“ bekam ich zu hören. Ich nannte ihm das Datum und er fragte mich: „Spinnst Du? An diesem Wochenende ist das FCK-Stadionfest“. Also ging es hochschwanger auf den Betze. Mein Mann kaufte alles (Nukki, Fläschchen, Body, Strampler) Erhältliche in rot und weiß für seinen Erstgeborenen. Ich fand ein Trikot und suchte es in Neugeborenengröße aus. Auf dem stand geschrieben: „Moi erschdes Betze Trikot“. Ich dachte mir, wieso beschriften die hier alles auf französisch? Meine rudimentären Französischkenntnisse verrieten mir, dass moi auf deutsch ‚ich‘ heißt. Also habe ich bei der Verkäuferin nachgefragt: „Entschuldigung, gibt’s das auch auf deutsch?“ Der Skandal war perfekt, eine kleine Aufruhr inklusive. „Heere se mol Fräulein, das is Pälzisch. Mein erstes Betze-Trikot heißt das. Wo kumme sie dann her?“ Zu allem Überfluss hörte das auch noch mein Mann, der sich sofort einschaltete. „Die Dame ist ein Gelbfüßler und wird gerade von mir zivilisiert. Entschuldigen Sie bitte.“ Großer Gott war das peinlich.

Das Trikot habe ich immer noch und alle unsere 10 Kinder haben es getragen. Das war nur der Anfang, mittlerweile bin ich tief in der Materie und ebenfalls Fußball begeistert. Natürlich kein Vergleich zu meinem Mann. Und wie sollte es auch anders sein, die Emotionen haben sich auch auf die Kinder übertragen, auf alle Kinder. Auch auf die Kleinsten. Kein Wunder, in jedem Kinderzimmer hängt entweder ein FCK-Poster, ein Wimpel oder eine Fahne. Sie haben es praktisch mit der Muttermilch aufgesogen.

Warum betone ich das so? 7 Dauerkarten, Westkurve, ständig im Stadion, all das blieb nicht ohne Folgen. Mein Mann neigt dazu, vor einem Spiel, während eines Spiels und auch nach dem Spiel, zu Hause Fangesänge anzustimmen. Ach was sage ich, eigentlich überall. Mit dem Ergebnis, dass ich mich mittlerweile weigere, mit den Kindern einkaufen zu gehen. Die mehrfache Erfahrung, im LIDL, dm etc. zwei oder mehr Zwerge dabei zu haben, die zusammen die übelsten Fangesänge anstimmen, ist grenzwertig. Beispiele gefällig? „Wir lieben dicke Titt** und den Suff, wir gehen dreimal täglich in den Pu**“, oder auch schön, zum Relegationspiel vorletztes Jahr: „Dy-Dy-Dy-Dy-Dy-Dy-Dy, Na-Na-Na-Na-Na-Na, Mo-Mo-Mo-Mo-Mo-Mo-Mo, Sch Dynamo“, Ganz aktuell gerade: „Wir sind die Jungs aus Lautern, die Jungs vom FCK. Wir sch… auf Saarbrücken und pissen in die Saar“. Erstaunlich was kleine Kinder sich so alles merken können. Das ist nur eine kleine Auswahl, von diesen Gesängen gibt es viele, sehr viele. Inzwischen sprechen sie leider auch so deutlich, dass es jeder versteht. Schlimm ist das. Die Reaktionen aus Schule und Kindergarten ließen nicht lange auf sich warten. In den Pausen wurde so einiges angestimmt. Muss ich mehr dazu sagen? Mein Mann meinte: „Alle lieben den FCK, also wo bitte ist das Problem?“.

Mittlerweile fahren die Großen auch schon Mal alleine mit der Bahn zu den Spielen. Hier ein lieber Gruß an den weltbesten Ordner Willi Wolf, der immer ein Auge auf die Kinder hat. Mein Mann hat den Kindern auch direkt Tipps zur zukünftigen Partnerwahl gegeben. Bayern, Schalke, Dortmund, RB, LEV, Frankfurt, Gladbach, Köln, Mannheim, Saarbrücken, Freiburg, St. Pauli, Hoppenheim, Golfsburg, Mainz, KSC und auch alle anderen gehen gar nicht. Original-Zitat: „In der Westkurve stehen genug rum, da wird schon was Passendes dabei sein“. Falls es doch was anderes werden sollte, kein Problem, das Testament kann jederzeit flexibel angepasst werden, erläuterte mein Mann.

Wie auch immer, wir fahren zum DFB-Pokal-Finale nach Berlin, nur das zählt. Heute war Ausnahmestimmung, alle sind vor Freude ausgerastet. Alle Kinder sind textsicher und sangen ihre Freude raus. Die Einladungen zum Gespräch in Schule und Kindergarten lassen bestimmt nicht lange auf sich warten…

Klassik, sehr weit gefasst

Mein Mann war, bevor ich ihn unter meine Fittiche nahm, ein Kulturliebhaber sondergleichen. Klassische Konzerte hier, Opern da, Theateraufführungen dort, Kunstausstellungen. Selbst im Kino schaute er sich nur Filme auf „ARTE-Niveau“ an. Schwierig für mich, ihn davon wegzubekommen. Mittlerweile ist mir das sehr gut gelungen, denn zum einen wohnen wir in der tiefsten Provinz. Zum anderen hat er dafür gar keine Zeit mehr. Wie dem auch sei, hin und wieder findet er auch hier in der Umgebung etwas, was ihn an gute alte Zeiten erinnert. So ist er auf die Villa Musica aufmerksam geworden. Diese bringt interessante Künstler in die Region, verbunden mit Klassikern. So fand der die Violinsonate Nr.9, besser bekannt als Kreutzer-Sonate, und das Klavierquintett a-Moll von Camille Saint-Saëns interessant genug, sich das anzuhören. Also lud er mich auf ein klassisches Konzert mit Nachwuchskünstlern ein.

Dazu muss man wissen, mein Mann macht das regelmäßig. Er entführt mich aus dem Alltag und überrascht mich mit irgendwas. Dieses Mal eben ein klassisches Konzert. Also machten wir uns auf den Weg nach Engers ins Schloß. Der Rahmen passte und der Beginn des Konzertes auch. Die Darbietung der Kreutzer-Sonate gefiel uns und er war mit seiner Auswahl merklich zufrieden. Interessant war dabei, dass in den ruhigeren Passagen des Stückes dem ein oder anderen die Augen zu fielen. Bemerkenswert, denn es war erst später Nachmittag und selbst ich blieb wach.

An dieser Stelle noch einen schönen Gruß an den jungen Herrn (Anfang – Mitte 20) in der zweiten Reihe, der offenbar mit seiner Freundin samt deren Eltern in den Genuss des Konzerts kam. Seine Kleidung (Jeans und T-Shirt) ließen bereits vermuten, dass er klassische Konzerte nicht regelmäßig in seiner Freizeit besucht. Er war einer derjenigen, die das ruhige Stück nicht ohne Schlaf schafften. Aus meiner Sicht nicht tragisch. Blöd war nur, dass der Saal mit diversen großen Spiegeln ausgestattet war. Einer davon hing direkt gegenüber des genannten Herren und seinem Anhang, sodass jeder und zwar wirklich jeder seine wiederholten Nickerchen bestens beobachten konnten. Auch seine potentiellen Schwiegereltern. Ich wage die Prognose, dass die offenbar klassikbegeisterten Eltern anschließend ein Wörtchen mit ihrer Tochter gesprochen haben. Das war es vermutlich mit Papas Segen für ihn.

Als zweites Stück folgte ein Werk von Ulvi Cemal Erkin. Ein Komponist der meinem Mann gänzlich unbekannt war, noch. Dargeboten wurde sein Klavierquintett von 1943. Gleich zu Beginn wurden die ersten Zuhörer aus ihren Träumen gerissen und sehr unsanft geweckt. Die offensichtliche Skeptik meines Mannes verstärkte sich von Minute zu Minute. Erhoffte melodische Passagen – weit gefehlt. Es gab für ihn eher Verstörendes zu hören, ein wildes Durcheinander von Tönen, Klängen und Schlägen auf die Streichinstrumente. Wir kennen uns jetzt lange genug, ich wusste sofort, das geht nicht lange gut. Es gelang mir, ihn über die vier Sätze einigermaßen zu beruhigen. Danach kam die Pause und dann ging es los. Er sprach erst seine Sitznachbarn an und meinte: „Hat ihnen das Stück auch so gut gefallen? – ich fand es großartig.“ Viele Zuschauer waren ähnlich verstört, andere fanden es intellektuell inspirierend. Jedem das seine. Mich erinnerte es in Teilen an Hape Kerkelings berühmten Sketch mit ‚Hurz!‘ Ich bin allerdings nicht gerade für meinen Zugang zu klassischer Musik bekannt.

Mein Mann jedenfalls konnte sich nicht mehr beruhigen. Selbst auf der Toilette schlugen die Emotionen hoch. Wieder bei mir, meinte er:“ Super. Beethoven, Camille Saint-Saëns und als Gegenpol Erkin, fantastische Kombination. Wer denkt sich sowas aus?“. Seine Aggressionen mussten raus und er fragte mich: „Hat dich das Stück auch so bewegt, erstaunlich, du bist wach geblieben. Ich habe jetzt große Lust, ein Auto oder etwas Vergleichbares zu zerstören“. Er war nicht mehr zu beruhigen. Auch das Stück von Camille Saint-Saëns nach der Pause vermochte das nicht. Es ging munter weiter. Zum Glück war das Konzert dann beendet und ich konnte ihn davon überzeugen, nicht weiter auf dem Schlosshof wie ein Rohrspatz zu schimpfen.

Ich versuchte es mit einem Besuch in der Eisdiele. In der Hoffnung, dass ihn ein Eisbecher oder ein Milchshake wieder beruhigen könnten. Dort googelte er aber den Künstler Erkin und fand tatsächlich 68 Follower. „Das sind für mich die wahren Helden“ ging es weiter. Auf YouTube hörte er sich in der Eisdiele weitere Stücke des Komponisten in beträchtlicher Lautstärke an. Er war nicht mehr zu beruhigen. Einige Gäste schauten irritiert rüber. Antwort: „Das ist Erkin, ein Geheimtipp“. Ein Milchshake Banane beruhigte ihn zumindest vorübergehend. Wie immer trank er ihn nicht leer und schob mir den Rest zu. Ich trank ihn aus und schlürfte dabei versehentlich mit dem Strohhalm. Mein Mann hörte sich das an und meinte: „Du störst meinen Erkin-Musikgenuss und wenn schon, dann mach es richtig“. Er nahm mir das Glas samt Strohhalm ab und schlürfte in einer Lautstärke und Intensität, man macht sich keine Vorstellung. Meine Beteuerungen, ihn nicht zu kennen wurde ignoriert. Alle, wirklich alle schauten ihn und auch mich an. Und es ging munter weiter. Irgendwann mussten alle lachen. Bedienstete, Gäste, alle außer mir.

Man kann meinen Mann nirgends mit hinnehmen, nirgends. Immer passiert sowas. Nach dem Besuch in der Eisdiele ging es zurück zum Auto. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem schnuckeligen Restaurant vorbei und mein Mann bemerkte ein kleines Hungergefühl. Kein Wunder, nachdem er sich so aufgeregt hatte. Kurzum, wir gingen hinein und fanden ein ruhiges Plätzchen in der hintersten Ecke. Aufgrund des schummrigen Lichts bot der Wirt uns an, noch ein Licht einzuschalten. Daraufhin sagte mein Mann was zu ihm?? „In ihrem (sprich meinem) Alter ist weniger Licht immer besser.“ Lange gesucht bis ich sowas wie ihn gefunden habe…

Wir sind jetzt ganz offiziell zu alt…

unter anderem für einen Escape-Room. Vor kurzem waren mein Mann und ich in einem solchen. Dabei wurde uns schmerzlich bewusst, dass wir definitiv zu alt dafür sind. Wir waren so unfassbar schlecht. Spoiler: Wir haben es natürlich nicht in den dafür vorgesehenen 60 Minuten geschafft, nicht mal annähernd.

Die Einführung der freundlichen Mitarbeiterin hat das Ganze nur noch schlimmer gemacht. Sie meinte, dass sie uns die gesamte Zeit über eine Kamera beobachten wird und eigentlich nur einschreiten wird, wenn wir ‚hinter der Zeit sind‘. Kurzum nach 8 Minuten kam der erste von vielen, sehr vielen Hinweisen über den Bildschirm. Selbst damit kamen wir teilweise nicht wirklich weiter. Erst als irgendwann alle 4- 5 Minuten Nachrichten kamen und sie uns praktisch die Lösung vorgegeben hatte, konnten wir einen Teil der Rätsel lösen. Irgendwann meinte mein Mann, dass wir in unserem Alter besser ein Stück Kuchen essen gehen sollten. Der Schmach nicht genug, erbarmte sich unsere Spielleiterin nach Ablauf der 60 Minuten zu uns zu kommen und uns (noch mehr) zu helfen. Selbst mit ihrer Hilfe benötigten wir noch weitere 10 Minuten, um den Raum verlassen zu können. Ich glaube, es lag an meinem Mann. Er wiederum sieht die Schuld bei mir und stellte fest, dass die teilweise nicht so ganz guten Noten der Kinder dann wohl auf mein Konto gehen würden. Der Beweis wäre jetzt erbracht.

Zum Abschluss bekommt man noch ein Bild geschenkt. Für dieses soll man sich Schilder aussuchen, die man vor sich hält. Es gab Schilder mit dem Aufdruck ‚Winner‘, I’m the best‘, We saved the world‘ etc.. Wir haben uns wahrheitsgemäß für ‚Mr. Nobody‘ und ‚I’m stupid‘ entschieden. Bevor wir gingen, fragte ich blöderweise bei wieviel Minuten der Rekord zum Lösen unseres Raumes lag. ’28 Minuten‘ war die Antwort. Frustriert zogen wir von dannen. Zu unserer minimalen Ehrenrettung sei gesagt, dass man diesen Raum mit bis zu 10 Personen ‚bespielen‘ kann. OK, wenn die anderen 8 aber genauso schlecht sind wie wir…

Nichtsdestotrotz war es ein gelungener Abend. Wenn man es aus der richtigen Perspektive heraus sieht. Wir waren vor langer Zeit bei einem Auftritt des bekannten Psychologen Dr. Lütz mit seinem Bühnenprogramm ,(…) Irre, wir behandeln die Falschen‘. In diesem sagte er unter anderem, dass es völlig egal sei was man als Paar gemeinsam macht. Es kommt nur darauf an, dass man es zusammen erlebt und darüber reden kann. Das können wir!

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