Erfahrungsberichte vom (Über-)Leben mit 10 Kindern, 2 Riesenschnauzern und meinem sehr speziellen Ehemann

Autor: Steffi (Seite 2 von 3)

10fache Mutter, 1977 geboren, mit einem sehr speziellen Ehemann, 2 Riesenschnauzer, eigenes Haus

Plissees, die unterschätzte Gefahr

Meiner Meinung nach gibt es zwei Sorten von Menschen. Zum einen die, die alles können und alles selbst machen und die, die nicht diesen Anspruch haben. Erfahrungsgemäß haben es die Zweitgenannten einfacher im Leben, weil sie sich eher zurücklehnen können und andere machen lassen. Die Erstgenannten hingegen haben ständig irgendwelche Herausforderungen zu meistern. Toll ist es, wenn sich Zwei von beiden Seiten finden und somit ergänzen. Blöd ist es, wenn man dabei zur ersten Gruppe gehört. Mein Mann und ich ergänzen uns perfekt. Er lässt gerne machen und ich mache eigentlich gerne. Eigentlich nur deshalb, weil es immer wieder unerwartete Probleme durch irgendein Kind gibt, das ganz dringend irgendetwas benötigt, während ich etwas machen möchte.

Hier ein schönes Beispiel vom letzten Wochenende: Zum wiederholten Male wurden Plissees in unserem Haus abgerissen, zerstört und oder verdreckt. Ich habe mittlerweile mindestens 50 Plissees aufgehangen und befestigt. Wir haben aber gar keine 50 Fenster mit Plissees. Dafür Kinder und Riesenschnauzer, die alle ein großes Talent darin haben, Plissees zu verdrecken oder zu zerstören. Warum gibt es eigentlich keine EU-Norm, die festlegt wie Plissees zu befestigen sind? Warum darf jeder Hersteller ein anderes System nutzen? Ich habe sicherlich bereits 10 verschiedene Befestigungssysteme hinter mir. Jedes Mal brauche ich mindestens 5 Anläufe bis das Plissee endlich korrekt hängt, sich vernünftig hoch- und runterschieben lässt und nicht bei der ersten Berührung wieder unten liegt.

Plissees befestigen mit Kindern ist nochmal eine ganz andere Sache und vergleichbar mit einer Wanderung im Hochgebirge. Jede Änderung der Umgebungsverhältnisse kann schnell gefährlich werden. Während ich also versuchte das erste Plissee zu befestigen und dabei diverse nicht jugendfreie Flüche von mir gab, wollte unsere Jüngste gerne eine Banane essen. Anfangs war das noch sehr süß mit anzusehen, wie sie mir zu verstehen gab was sie wollte. Das ist durchaus vergleichbar mit leichter Bewölkung im Hochgebirge. Irgendwann wurde sie deutlicher, sprich dunkle Wolken zogen auf. Nachdem keine zeitnahe und adäquate Reaktion von mir folgte, begann sie meinen Stuhl, auf dem ich stand, wegzuschieben. Blitze leuchteten im tiefen Dunkel und Donner ertönte in der Umgebung. Kurzum, jetzt wurde es ernst. Eine sofortige Reaktion war nun erforderlich. Prinzessin Lady Laure schob meinen Hocker weg, ich verlor daraufhin den Halt, weil ich gerade versuchte den letzten Haken zu befestigen, und knallte runter vom Stuhl. Natürlich nicht einfach so, ich schrubbte mit dem Arm noch schnell am gesprungenen Glas vorbei, das ich natürlich ganz nach hinten auf die Küchenablage gestellt hatte, damit nichts passieren kann. Kein Problem, ich hatte vor 2 Jahren 4 Flaschen mit je 500 ml Betaisodona (Jod) auf Drängen meines Mannes gekauft und das kam nun in rauen Mengen zum Einsatz. Es hat auch ordentlich geblutet. Mein Mann nutzt Jod für jedwedes Wehwehchen. Fehlt eigentlich nur noch, dass er es trinkt. Er bestand auf diese Mengen Jod, jetzt war ich selbst betroffen und froh darüber es im Haus zu haben. Der kleinen Maus konnte ich nicht mal böse sein, sie hatte ihren Unmut ja früh genug kundgetan. Ich hatte nur nicht schnell genug reagiert.

Dank unserer Kinder kann ich aber nicht nur Plissees befestigen. Nein, neuerdings kann ich auch Türschlösser ausbauen und tauschen. Gut, es ließ sich danach kaum noch schließen, aber es war getauscht. Küchenschranktüren, die abgefallen waren, oder Lampen, die beim Fußballspiel der Kinder mit dem Papa abgeschossen wurden tauschen, alles kein Problem für mich. Weitere Beispiele gefällig? Schubladen reparieren, auf die unsere Kinder sich prinzipiell aufstützen müssen wenn sie etwas darin suchen. Türen neu einstellen, die aufgrund diverser Wutausbrüche verstellt sind. Dazu Schubladenfronten, die abgerissen wurden. Schränke aufbauen, Betten der Kinder reparieren. Eine meiner Hauptbeschäftigungen: Rollläden wieder zum Laufen bringen. Tore einstellen. Türen der Schiebetüren-Schränke wieder einhängen und so weiter. Die Liste ließe sich problemlos weiterführen.

Das Aufhängen von Lampen habe ich bereits vor knapp 25 Jahren gelernt. Damals bezog ich meine erste eigene Single-Wohnung und dachte mir, das wird schon nicht so schwierig sein. Auf der Leiter stehend, mit den Drähten in der Hand kamen mir dann doch Zweifel, ob und wie das funktionieren wird. Also machte ich das, was jede Frau in so einer Situation machen sollte. Einen hilfsbereiten Mann, der sich mit sowas auskennt, fragen. Ich rief also, immer noch auf der Leiter stehend, einen Elektriker aus der Nähe an und erklärte ihm worum es ging. Der ältere Herr bekam Schnappatmung und meinte: „Bleiben Sie jetzt ganz ruhig, sagen Sie mir was Sie vor sich sehen.“ Kurzzeitig fühlte ich mich wie in einem Actionfilm, in dem gerade einem Vollidioten vom SEK erklärt wird, wie er eine Bombe entschärfen soll. Wie dem auch sei, er erklärte mir ganz genau, was ich machen sollte. „Schalten Sie die Sicherung aus, achten Sie auf einen stabilen Stand der Leiter, nehmen sie nun den blauen Draht und verbinden ihn“ und so weiter. Irgendwann hing die Lampe und funktionierte einwandfrei. Seitdem kann ich Lampen installieren und habe eine wichtige Lektion gelernt. Wenn man sich als Frau schön dumm stellt, hilft einem immer irgendjemand gerne. Funktioniert übrigens auch im Baumarkt. Legendär der Spruch des Mitarbeiters: “ Ich habe immer schon gesagt, man muss den Frauen die Angst vor dem Baumarkt nehmen.“ In dem Fall hatte ich einfach keine Lust mich durch das Angebot an Schrauben zu wühlen. Ich ging also zu dem freundlichen Mitarbeiter, schaute ihn mit großen Augen an und sagte: “ Entschuldigung, ich kenne mich überhaupt nicht aus“. Hier noch ein kostenloser Tipp für die nächste Polizeikontrolle mit einem defekten Auspuff am eigenen Auto. Bei meinem ersten Auto, einem Fiat Panda, war der Auspuff deutlich hörbar kaputt. In der Werkstatt teilte man mir mit, dass ich ihn schnellstmöglich tauschen müsste. Prompt fuhr ich am nächsten Wochenende in eine Polizeikontrolle. Der Panda hörte sich an wie ein getunter Porsche und der Polizist meinte zu mir: „Der Auspuff hört sich aber nicht gut an.“ Ich schaute ihn völlig erstaunt an und fragte ihn mit einer Unschuldsmiene, ob das Geräusch nicht normal sei. Er schaute väterlich auf mich herab und meinte milde zu mir, dass das definitiv nicht normal sei und ich doch bitte direkt am Montag zur Werkstatt fahren sollte. Funktioniert immer, getreu dem Motto: „Sei schlau und stell Dich dumm“.

Vielleicht sollte ich irgendwann auch auf die Seite der Zweitgenannten wechseln. Was sagt mein Mann dazu? „Im nächsten Leben vielleicht“

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Menschen, die meinen Mann kennen,  fragen mich häufig, wie ich es eigentlich mit ihm aushalte. Er ist ein solcher Kindskopf. Mein Erfolgsrezept: ich ignoriere ihn zu 90 % und dann geht es ganz gut. Das funktioniert aber leider nicht immer.

Beispiel gefällig? Es ist 8.30 Uhr und die Kleinen sollen in den Kindergarten. Bringzeit bis 9.00 Uhr, eigentlich 8:59 Uhr wegen des Morgenkreises um punkt 9 Uhr. Was macht mein Mann? Er spielt mit den Zwergen entspannt Fußball. Ich seufze und weiß genau, was jetzt auf mich zukommt.  Unsere Kleinste mit knapp 2 Jahren rennt zielsicher zur Treppe und erklimmt bereits die ersten Stufen während sie aufgeregt ‘Fußball’ brüllt. Klar, sie will auch mitspielen. 

Ich brülle hoch: „Kommt ihr bitte runter, wir müssen los.“ Keine Reaktion, ich höre aber die Emotionen hochschlagen. Also brülle ich lauter. Keine Reaktion. 8.35 Uhr: Offensichtlich ist gerade ein Tor gefallen. Die einen jubeln und die anderen beschimpfen sich gegenseitig, wer denn jetzt Schuld am Gegentreffer sei. 8.37 Uhr: Mein Puls steigt. Gerade will ich wieder brüllen, da fällt der Ausgleich. Jetzt gibt’s kein Halten mehr. Beide Teams gehen jetzt volles Risiko. Mein Mann mittendrin. Es ist jetzt 8.40 Uhr: Ich resigniere und gehe hoch in den 2. Stock. Am Ort des Geschehens passiert gerade ein Foul. Es ist 8.42 Uhr und es gibt Strafstoß. Dies hat wilde Proteste zur Folge und ein Handgemenge. „Schauspieler, da war gar nichts” gefolgt von “Bist du blind?”, ein Wort ergibt das andere. Ich verweise auf den Kindergarten und gerate zwischen die Fronten. 

Mama, was soll denn das jetzt? Lass uns in Ruhe. Verstehst du denn nicht was hier los ist? Es steht 3:3 und Bam Bam hat gerade den Kleinen König getreten. Deshalb gibt’s Elfer und ne Gelbe. Der muss natürlich noch ausgeführt werden. Es ist mittlerweile 8.45 Uhr. Alte Fußballerregel: Der Gefoulte soll nicht selbst antreten. Ach was soll’s. Der Kleine König legt sich den Ball zurecht. BamBam steht im Tor und macht Faxen auf der Linie. Kleiner König läuft an und schießt nach unten links. BamBam hält mit einer Riesenparade, klatscht aber unglücklich nach vorne ab. Der Kleine König ist zur Stelle und versenkt die Kugel. Wieder schlagen die Emotionen hoch. „So sehen Sieger aus“ ertönt es nun. 8.50 Uhr, Schlusspfiff, das Spiel ist aus. Endstand 4:3 für das Team Kleiner König. Ich habe jetzt noch knappe 10 Minuten, um die Kinder in den Kindergarten zu bringen. Die Kinder verabschieden sich von meinem Mann mit den Worten: “Das hat großen Spaß gemacht, heute Nachmittag spielen wir wieder Fußball.” 

Ich denke mir meinen Teil, beiße mir aber auf die Zunge, um nicht noch mehr Unruhe zu stiften. Also runter, die Kleinen in die (vorher gesuchten und bereitgestellten) Schuhe stecken, Jacken und Mützen überwerfen und in den Kindergarten eilen. Ich hoffe so sehr, dass irgendjemand aus dem Kindergarten das liest, um endlich den wahren Schuldigen für Verspätungen zu kennen. Zum Glück hat mein Mann nicht jeden Tag Zeit für solche Spielchen am Morgen. Das sind dann die Tage, an denen die Kinder pünktlich im Kindergarten sind.

Liebe ist…

dass ich ganz genau weiß, wie ich meinen Mann „auf die Palme“ bringe und umgekehrt genauso. Er behauptet immer, ich wäre der chaotischste Mensch unter Gottes Sonne. Naturgemäß sehe ich das ganz anders. Wenn also mal wieder ein – aus seiner Sicht – wichtiges Dokument irgendwo rumfliegt, steigt sein Blutdruck. „Das gehört genau in diesen Ordner abgeheftet“. Und sogleich schreitet er zur Tat. Wie fremd mir dieses spießige Verhalten ist.

Als wir uns kennenlernten, entdeckte er eine Plastiktüte mit allen wichtigen Dokumenten darin. Alles war da. Für mich war das so in Ordnung. Für ihn aber gar nicht. So fassungslos habe ich ihn nie wieder gesehen. Er legte alle möglichen Ordner an und schaffte Ordnung. Klar, was ich mir dazu anhören konnte. Bis heute sehe ich beispielsweise keinen Sinn darin, Unterlagen, die man im nächsten Frühjahr für die Steuererklärung benötigt, erst abzulegen. Jedes Jahr bereitet er die Unterlagen für die Steuererklärung vor und flucht tagelang, aufgrund der Arbeit. Mein pragmatischer Vorschlag: alles, das ganze Jahr über in einen Karton schmeißen, um es dann griffbereit zu haben. Diesen kommentiert er stets mit einem tiefen Einatmen und hochgezogenen Augenbrauen. 

Er wiederum bringt mich zum Wahnsinn, weil er seine Kleinen unfassbar verwöhnt. Er liest ihnen sprichwörtlich jeden Wunsch von den Lippen ab. Das muss so eine Art „Altersmilde“ sein, denn unsere Großen haben ihn ganz anders kennengelernt. Eher streng, konsequent und stringent. Diese reiben sich nun verwundert die Augen. „Die Gnade der späten Geburt“ genießen nun unsere Zwerge von 7 Jahren bis runter zu einem Jahr. Dieses Verwöhnen bringt mich zum Wahnsinn. Passen ihnen Brot oder Belag nicht, werden sie ausgetauscht. War früher Nutella tabu, erfreuen sich die Kleinen heute daran. Kurzum, mein Mann verhält sich wie ein lieber Opa und macht alles mit den Kleinen – was auch immer sie wollen. Selbst Schulnoten und Hausaufgaben werden lange nicht mehr so streng verfolgt wie früher.

Natürlich bin ich immer die Böse, denn bei mir gelten weiterhin die alten Regeln. Nach jedem Erziehungsversuch von mir, rennen sie direkt zu Papa, heulen sich dort aus und finden stets ein offenes Ohr bei ihm. Allein seine Ansprache: “Was hat euch die Mama jetzt schon wieder angetan?”

Nicht genug damit, dass er die Kleinen verzieht. Nein, er verwöhnt auch unsere Riesenschnauzer in gleicher Weise. Bei mir bekommen sie ihr Trockenfutter und fertig. Hin und wieder noch was Leckeres aus der Küche, wenn beim Kochen was abfällt, oder etwas übrigbleibt. Wir haben zwei Riesenschnauzer und die beiden haben sich bei uns direkt die Bezugspersonen ausgesucht.  Während seiner, Flaubert genannt, mich maximal als Mitbewohner duldet, gehorcht meiner, Tardieu genannt, ihm kein bisschen. Sehr zum Ärger meines Mannes, der ständig versucht, ihn mit Leckereien auf seine Seite zu ziehen.  Er frisst sie, freut sich und legt sich dann zu mir. Ein tolles Hundchen. Umgekehrt das gleiche Spiel.

Flaubert wollte anfangs kein Trockenfutter fressen. Anstatt konsequent damit umzugehen und zu warten, bis er Hunger hat und dann frisst, wurde mein Mann nervös.  Täglich konnte ich mir anhören, dass der arme Hund in Kürze verhungern wird. Aus seiner Sicht musste er dringend 5-6 kg zulegen. Er fühlte schon die Knochen. Mein Argument, dass er vor dem Verhungern sicherlich das Trockenfutter fressen wird, wurde ignoriert. Stattdessen rannte mein Mann los und besorgte ihm alle erdenklichen Futtersorten und Nassfutter. Wenn ich schon höre wie er unseren Riesen sagt:“ Ihr sollt auch nicht leben wie ein Hund.“ Sodann ging es los. Der Möchtegern Paul Bocuse der Hundeküche legte los. Fleisch an Flocken und Ei oder Frischkäse an Trockenfutter oder Thunfisch Vinaigrette an Brotresten. Die Hunde lieben es und sein Flaubert  frisst seitdem kein pures Trockenfutter mehr. 

Mein Tardieu hingegen lebt nach dem Prinzip ‘erst fressen, dann denken’. Unvergessen ist die kleine Spielmaus, die eigentlich unserem Kater gehörte und die ihm die Kinder zugeworfen hatten. In der sicheren Annahme, dass es sich um Essen handeln muss, und unter einem gewissen Zugzwang, weil der zweite Riesenschnauzer neben ihm stand, verschlang er sie mit einem Happen. Am nächsten Tag lag sie wieder, nahezu unversehrt, im Flur. Auf die näheren Umstände, wie es dazu kam, gehe ich besser nicht ein. 

Natürlich bekommen die beiden nach einem solchen Festmahl Durst, großen Durst. Mit einem Wassernapf alleine ist es bei meinem Mann nicht getan. Nein, frische kalte Rohrperle muss es sein, direkt aus dem Hahn. Sprich, die Hunde stehen im Bad, mit den Pfoten auf dem Waschbecken und trinken direkt aus dem Hahn. Zumindest bis ich um die Ecke komme….

Zahnarztbesuche… früher und heute

Ich würde mich als einigermaßen nervenstarke Mutter beschreiben. Diverse Platzwunden der Kinder, die geklebt werden mussten (unter anderem weil ein Zwerg dem anderen Zwerg im Kinderpool ein Playmobil-Schnellboot an den Kopf wirft) sind kein Problem. Brüche, kein Problem. Was aber gar nicht geht, ist alles was mit Zähnen zu tun hat. Wackelzähne führen prinzipiell zur Flucht meinerseits, was die Kinder naturgemäß unheimlich komisch finden und dann erst recht zu jeder unpassenden Gelegenheit mit ihren noch halb-hängenden Zähnen vor mir stehen und diese hin und her schaukeln. Gerne übrigens auf der Toilette, wenn ich nicht flüchten kann. Zumindest wenn sie es schaffen, sich am Hund vorbei zu drängeln oder drüber zu steigen.

Als Kind bekam ich eine lose Zahnspange, die ich entweder unbewusst nachts aus dem Fenster warf oder die meiste Zeit ignorierte. Bevor ich diese bekam, mussten allerdings 4 Backenzähne gezogen werden – auf jeder Seite einer damit genug Platz für die übrigen Zähne geschafft wurde. Unser damaliger Zahnarzt war ein alter, dicker Mann, der aufgrund seiner Arthrose diverse krumme Finger hatte. Damals wusste ich den Vorteil eines kräftigen Zahnarztes noch nicht zu schätzen und so machte er mir, alleine aufgrund seiner Erscheinung, Angst. Ich sollte also an vier aufeinanderfolgenden Terminen jeweils einen Zahn gezogen bekommen. Mein Vater machte den Fehler, sich bereit zu erklären den ersten Termin mit mir wahrzunehmen. Er war nicht für seine einfühlsame Art bekannt und machte uns Kindern stets sehr schnell und deutlich klar, womit er einverstanden war und womit nicht. Sämtliche Versuche seinerseits die Situation beim Zahnarzt irgendwie unter Kontrolle zu bringen, liefen jedoch ins Leere…. Ich schrie wie am Spieß und ließ mich auch nicht wieder beruhigen. Anschließend fuhr mein Vater schweigend mit mir nach Hause und erklärte meiner Mutter, dass er nie, nie wieder mit mir zum Zahnarzt gehen würde. Hat er auch eingehalten.

Diese Angst hatte sich bis vor kurzem gehalten, was die Kinder natürlich nicht wissen durften. Mittlerweile bin ich bei einem der besten Zahnärzte, die man sich vorstellen kann. Hier ein schöner Gruß an die Zahnarztpraxis Grünewald in Koblenz, die stets freundliche Mitarbeiter und sehr gute Zahnärzte in ihrem Team hat. Die Kinder gehen ebenfalls regelmäßig, alle 6 Monate, dort zur Kontrolle. Dabei werden zuerst die Zähne blau eingefärbt um zu sehen, wo gut und wo weniger gut geputzt wurde. Anschließend gibt es einen Wert. 100 % bedeutet ganz, ganz, ganz schlecht, 20 % gelten bereits als guter Wert. Für die Kinder ist der eigene Wert jedoch nur bedingt wichtig. Viel wichtiger ist der Wert, den die Geschwister haben. Wir gehen immer mit mindestens 3 – 4 Kindern gleichzeitig, um die Konkurrenz anzukurbeln.

Manche Geschwister sind sehr beliebt, um gemeinsam einen Zahnarzt-Termin zu haben, da der Wert meistens schlecht bis sehr schlecht ist. Merke, wenn man selbst 60 % hat (was schon schlecht ist), ist es immer besser noch einen 90er Kandidaten dabei zu haben. Erste Frage der Kinder wenn ich einen Termin in nächster Zeit ankündige, ist also immer: „wer geht mit?“ Je nachdem, sorgt das dann für Ent- oder Anspannung. Das Kind mit dem besten Wert bekommt anschließend ein Eis oder irgendeine andere Belohnung.

Ein Teil unserer Kinder hat bereits Zahnspangen und dafür war es notwendig unser zweitältesten Tochter ebenfalls 4 Zähne zu ziehen. Ich, selbst der größte „Schisser“, den man sich vorstellen kann, erklärte ihr ganz ruhig, dass das wirklich nicht schlimm wäre und, dass sie sich jetzt mal bitte nicht so anstellen solle. Ihre Bedingung, dass ich dann aber mitkommen sollte, akzeptierte ich zähneknirschend. Also stand ich am Fußende und streichelte ihr Bein während ich schwankend und kreidebleich an die entgegengesetzte Wand starrte. Ich bin fast gestorben, wohingegen sie wiederum das Ganze unglaublich souverän durchstand und bester Dinge war. Ihr Angebot, die gezogenen Zähne doch mal anzusehen, ließ ich unkommentiert.

Jahrelang war ich bei einem Zahnarzt im Nebendorf in Behandlung, der mir stets versicherte, dass bei meiner jährlichen Kontrolle alles in bester Ordnung sei. Irgendwann meinte mein Spießer-Ehemann, dass meine Zahnzusatz-Versicherung (auf die natürlich auch er, bereits zu Beginn unserer Beziehung, bestanden hatte) auf 100% Zuzahlung erhöht werden sollte. Ich verband die jährliche Kontrolle mit der dafür notwendigen Untersuchung und vereinbarte einen Termin. Dort teilte man mir mit, dass im Prinzip alles in Ordnung sei und nur ein Zahn überkront werden sollte. Ich fiel aus allen Wolken und wollte diese Diagnose beim Zahnarzt meines Mannes und der Kinder (eben Dr. Grünewald) überprüfen lassen. Gesagt, getan. Der Termin kam und zuerst schaute er sich alles an und anschließend wurde ein Röntgenbild erstellt. Was dann kam, konnte ich wirklich kaum glauben. 4 Füllungen und 4 Inlays waren fällig. Wie das passieren konnte, frage ich mich noch heute.

Ich ging also zu den Terminen, die zur Vorbereitung der Inlays nötig waren. Das klingt harmlos. War es aber nicht. Unvergessen dabei der Satz des hauseigenen Zahntechnikers, der kurz vor der Tortur (vom Zahnarzt Behandlung genannt) in das Behandlungszimmer kam und zu mir meinte : „Trotzdem noch einen schönen Tag“. Die Bedeutung wurde mir erst während der Behandlung klar. Teilweise mussten die Zähne bis fast zu den Nerven runtergeschleift werden. Nach 10 Geburten dachte ich, ich kenne meine persönliche Grenze, 3 – 4 Stunden Dauerbohren und -schleifen beim Zahnarzt sind aber nochmal eine ganz andere Nummer. Kurzum, mich haut jetzt nichts mehr um. Ok, Wackelzähne vielleicht doch noch…

Mobile Security

Mein Mann ist der größte Spießer, den man sich vorstellen kann. So hat er sich wahnsinnig über unsere Tochter aufgeregt, weil diese ihren Telefon PIN auf 1234 änderte. Dies sollte auch gleich Folgen haben. Vor einiger Zeit waren wir in Bonn im Kleinen Theater. Die Leiden des jungen W standen auf dem Programm. Das erinnerte meinen Mann an seinen ersten Besuch dort vor 35 Jahren. Damals wurde Faust I dargeboten. Dementsprechend war die Vorfreude auf ein Wiedersehen groß. Wir sahen uns das Stück an und gingen guter Dinge die 5 Minuten zurück zum Auto auf dem Parkplatz an der Stadthalle. Dort angekommen wunderte ich mich über das geöffnete Handschuhfach im Auto. Erst danach bemerkte ich die eingeschlagene Scheibe auf der Beifahrerseite. Unser Auto wurde aufgebrochen. Überall im Schnee und auf dem Sitz lagen Scherben.

Ich konnte es nicht fassen. Der Parkplatz war in unmittelbarer Nähe zum Theater und direkt gegenüber war ein Restaurant. Ausserdem war er einigermaßen gut beleuchtet. Trotzdem hat sich irgendein Trottel die Mühe gemacht, den wirklich nicht sonderlich attraktiven Wagen aufzubrechen. Trottel deshalb, weil er zwar das alte Handy unserer Tochter mitgenommen hatte, samt defekter Powerbank aber meinen Geldbeutel inklusive zweier Kreditkarten, meines Führerscheins und des Personausweises übersehen hatte. Ich hatte bereits mein Handy in der Hand, war ganz stolz, dass mir tatsächlich die offizielle Sperr-Hotline-Nummer einfiel und begann bereits, mich durch die Möglichkeiten des Anrufmenüs durchzuarbeiten.

Apropos Trottel, wer kam eigentlich auf die Idee, dass man die Nummer der gestohlenen Kreditkarte bei der Sperrung angeben muss? Wer hat die im Notfall parat oder im Kopf? Hier ein hilfreicher Tipp für alle. Entweder ein Bild der Karte, samt Nummer im Handy speichern oder zumindest auf die Idee kommen, im Online-Banking nachzusehen. Sonst wird es peinlich, weiß ich jetzt. Ohne die Reaktion meines Gegenübers am Telefon jetzt in allen Einzelheiten zu beschreiben, kann ich sagen, dass es besser ist, die Nummer parat zu haben wenn man die Karte sperren möchte/muss. Während ich versuchte meinem Mann zu signalisieren, dass ich alles im Griff hätte, entdeckte ich den Geldbeutel im Auto. Merke: Wenn das eigene Auto aufgebrochen wird, ist es immer gut, wenn Vollidioten am Werk sind.

Mittlerweile hatte mein Mann die Polizei informiert, die tatsächlich auch nach 40 Minuten mit zwei großen Vans vorfuhr. Hatte ich bereits erwähnt, dass Schnee lag und die Temperatur bei -8° nicht sonderlich angenehm war? Einer von uns musste an der Straße warten und den Polizisten zeigen, wo das Auto stand. Der andere konnte im Wagen warten und sich bei laufendem Motor halbwegs warm halten. Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, wer welchen Part übernahm? Ich war passend für das Theater gekleidet aber definitiv nicht für einen einstündigen Aufenthalt im Freien, also stand ich natürlich draußen. Mein Mann wiederum saß mit Handschuhen und Mütze (Equipment, das er in allen Jacken griffbereit hat) im Auto und wärmte sich an der Heizung. Glücklicherweise war ich so sauer, dass ich die Kälte kaum wahrgenommen habe.

Die Polizisten waren sehr verständnisvoll, hilfsbereit und zuvorkommend. Zudem gaben sie uns wertvolle Tipps zur Versicherung und Schadenabwicklung. Der Hinweis, besser keine Wertsachen im Auto liegen zu lassen, erschien mir noch nie so sinnvoll. Die Beamten waren wirklich top und das hatten wir so nicht erwartet. Zuerst klebten wir mit ihrer Hilfe die Seitenscheibe ab, um auf dem Nachhauseweg nicht zu erfrieren. Gut gedacht, aber schlecht gemacht. Ohne Außenspiegel weigerte sich mein Mann nach Hause zu fahren. Also doch frieren, in Nylons. Zuhause angekommen wurde direkt die SIM-Karte gesperrt und der Schaden bei der Versicherung gemeldet. Zuvor hatte unser Ältester aber noch eine WhatsApp-Nachricht von der übelsten Sorte, die ich hier wirklich nicht zitieren kann, an die Nummer geschickt. Anschließend zeigte sich jedoch, der oder die Hornochse(n) hatten sich Zugang zum Handy verschafft. Welche Überraschung bei Verwendung eines 1234 Codes.

Mein Mann regte sich riesig auf. Unser Ältester jedoch freute sich wie ein kleines Kind, dass seine Nachricht zugestellt wurde. Wir konnten das Handy über andere Wege weitestgehend unbrauchbar machen, trotzdem war es unnötig und ärgerlich. Allein es im Auto liegen zu lassen, war selten dämlich. Heutzutage muss man jederzeit mit allem rechnen. Wir waren zu gutgläubig.

Als Konsequenz daraus verschärfte mein Mann alle Sicherheitseinstellungen an allen unseren mobilen Endgeräten. Natürlich um sie gleich danach wieder zu vergessen. Auch das sollte Folgen haben, wenn auch zeitversetzt. Viele Monate später tingelte er durch diverse Mobilfunkläden, um sich beraten zu lassen. Zudem wollte er wissen, ob sein aktuelles Handy Dual-SIM-fähig sei. „Schauen wir gleich mal rein, dann wissen wir es“ meinte der Berater. Gesagt, getan. Er öffnete den entsprechenden Slot am Gerät und dann ging es los.

Ein ohrenbetäubender Alarmton ertönte in gleichmäßigen Abständen. Der Laden war gut besucht und alle schauten „seinen“ Berater an. Schließlich kam dieser Lärm aus seiner Ecke. Zuerst reagierte sein Kollege: „Was hast du gemacht Bruder?“. „Ey, nix, save nichts, ich schwöre“ kam es zurück. „Mach das aus jetzt Bruder“ wurde er von seinem Kollegen zurechtgewiesen. „Bruder, ich hab nix gemacht, save. Keine Ahnung was das ist, Alter“.

Langsam dämmerte meinem Mann was das war. Er hatte die Securityeinstellungen seines Handys so geändert, dass bei einer Entfernung der SIM-Karte ein ebensolcher Alarm ertönte. Aufgrund der Kinder mit Jugendsprache bestens vertraut, rief er dem Berater zu: „Bleib locker Alter, Bruder ich glaub ich weiß was los ist. Save gib mal Handy“. Das Handy alarmierte nach wie vor auf „Full Power“. Die eingegebene Security Policy hatte das Handy gesperrt. Also ruhig bleiben und die SIM-Pin eingeben. Geschafft! Allein, der Alarm ertönte weiter in voller Lautstärke. Jetzt musste noch die Telefon-Pin eingegeben werden. Einziges Problem: Mein Mann nutzt ellenlange Passwörter und vergisst sie dann. Wie auch jetzt in dieser Stresssituation. Gleich die erste Eingabe war falsch und auch die zweite Eingabe war falsch. Der Alarm ertönte munter weiter und der Stresspegel stieg merklich an. „Bruder, was machst du da? Mach das aus“. Der dritte Versuch sass, das Handy war entsperrt. Der Alarm jedoch war weiter aktiv. Jetzt noch schnell rein in die Security-App. Aber auch diese hatte mein Mann mit einer separaten PIN versehen. Und so dauerte es und dauerte und dauerte. Ein großartiges Schauspiel war in vollem Gange. Also App entsperrt und Ruhe war. Endlich. „Alter, was hast du für ein Handy, krass.“ In dem Laden kann er sich definitiv nicht mehr sehen lassen. Man kann ihn nirgends mit hinnehmen, wirklich nirgends.

So ein Tag, so wunderschön wie heute…

Meine Tage starten im Dreischicht-Betrieb. Die erste Schicht beginnt um 5:30 Uhr. Die pubertierenden Monster wecken, Grundhygiene kontrollieren, Brote schmieren, Obst schneiden, Beschimpfungen ertragen, Streit schlichten (und Schlimmeres verhindern) und rechtzeitig alle aus dem Haus schmeißen. Danach 10 Min Ruhe um langsam wieder runterzukommen. Anschließend, kurz nach 7 Uhr die Grundschüler mehr oder weniger sanft aus dem Bett schmeißen, sie irgendwie dazu bringen, dass sie sich anziehen und die Zähne putzen, bei der Suche nach einem Paar Schuhe helfen und dann (meistens) rechtzeitig losschicken zur Schule. Dann, kurz nach 8 Uhr die anspruchsvollste Schicht… Die Kleinen sanft wecken (sonst ist der Tag direkt gelaufen), duschen und dann Schuhe suchen… Immer den zweiten Schuh suchen. Bei den Socken habe ich es bereits aufgegeben, hier gehen wir mit dem Trend und tragen prinzipiell unterschiedliche Socken. Wir haben 2 riesige Wäschekörbe mit einzelnen Socken. Irgendwo in unserem Haus müssen Berge an Socken liegen, die sich jedoch erfolgreich vor mir verstecken. Falls wir irgendwann umziehen, werde ich diese finden, mit ihren Partnern verbinden, sie verkaufen und damit unseren gesamten Umzug finanzieren. Gestern ließ ich mich feiern, weil ich tatsächlich ein passendes Sockenpaar für unseren Fünfjährigen gefunden hatte. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Darauf der Kleine, ganz ernst, zu mir: „Mama, in unserer (Kindergarten-)Gruppe gibt es den …, der hat jeden Tag die gleichen Socken an.“ Er meinte identische Sockenpaare. Ich habe ihm daraufhin erklärt, dass sowas nur Spießer machen, aber er war nicht komplett überzeugt. Interessant daran finde ich, dass es aus seiner Sicht offenbar nur ein Kind gibt, dass die gleichen Socken trägt. Ein sehr tröstlicher Gedanke… Ich liebe den Winter, denn dann tragen die Kinder Strumpfhosen.

Heute war wieder einer der anspruchsvolleren Tage. Zuerst musste ich die Wogen bei den Großen glätten, da es aufgrund diverser Verfehlungen seit gestern Abend ein generelles Verbot für elektronische Geräte gibt. Kam nicht gut an, die Kinder waren in heller Aufregung und gingen mal nicht aufeinander, sondern auf mich los. Da sieht man mal wieder, zur Gruppenbildung brauchst Du nur einen gemeinsamen Feind. Papa! Wie auch immer, sie sind rechtzeitig los und damit war die erste Schicht geschafft. Die zweite Schicht gestaltete sich entspannt. Die dritte Schicht begann gut und endete schließlich doch im Desaster. Ich habe sie sanft geweckt, die Kleidung und die Taschen waren gerichtet. Schuhe, sogar paarweise, standen bereit. Alles lief nach Plan. Bis die Jungs auf die Idee kamen, mit Papa Fußball zu spielen. Über mehrere Zimmer verteilt. Soweit so gut. Naturgemäß gibt es dabei immer einen Verlierer und der hat dann richtig miese Laune. So auch heute. Unser Dreijähriger hatte das Spiel ganz offenbar verloren, denn so gut er vorher gelaunt war, so schlecht war seine Laune nun. Zu allem Unglück kam das Ende der sogenannten „Bringzeit“ näher und er hatte die Schuhe falsch herum angezogen. Anstatt darüber hinweg zu sehen, machte ich den Fehler ihn darauf hinzuweisen und ihm gleichzeitig meine Hilfe anzubieten. Anfängerfehler, ich weiß. Ab diesem Moment ging gar nichts mehr. Zuerst zog er seine Jacke wieder aus, dann versteckte er sich hinter dem Sofa. Ich, mit Blick auf die Uhr, freundlich aber bestimmt zu ihm: „Wir müssen jetzt los, der Kindergarten schließt gleich die Türen und wir kommen nicht mehr rein.“ Funktionierte bis vor Kurzem ganz gut, jetzt kam die Antwort: „Super, ich gehe hoch zu Papa und spiele weiter Fußball – Ich will zu meinem Papa“. Er fing an zu brüllen und zu toben. Ziel knapp verfehlt. Ähnliches hatte ich vor 2 Jahren bereits mit unserem Fünfjährigen erlebt. Er ist ebenfalls ein absolutes Papakind und wollte nicht akzeptieren, dass wir dringend weg mussten, leider ohne den Papa. No Go. Er machte im Auto ein Riesentheater und drohte damit sich abzuschnallen. Pädagogisch wertvoll erklärte ich ihm daraufhin, dass ich ihn jetzt gleich aus dem Auto lasse und er dann im Wald auf mich warten könnte. Antwort seinerseits: “ Ja genau, lass mich raus, ich laufe dann zu meinem Papa“. Schlimm wenn die Kinder erstmal denken und reden können.

Wie auch immer, irgendwann hatte ich den Dreijährigen dann soweit, dass wir zum Kindergarten fahren konnten. Laufen klappte nicht mehr – es waren nur noch 10 Minuten Zeit. Wir kommen also um 8:55 Uhr im Kindergarten an. Ich war ganz stolz, Bringzeit ist ja bis 9 Uhr. Alles gut also. Dachte ich zumindest… Aus irgendwelchen Gründen beginnt der unfassbar wichtige Morgenkreis aber exakt zum Ende der Bringzeit um 9 Uhr. Wer auch immer sich das überlegt hat, muss ein Planungsgenie sein. So konnte ich mich also in drei Gruppen auf meine Verfehlung hinweisen lassen, mit dem Zusatz, dass die Kinder jetzt eigentlich vor der Türe warten müssten. Unter anderem unsere knapp Zweijährige. Freundlicherweise hat man sich erbarmt und die Kinder durften trotzdem in die Gruppe kommen. So wünscht man sich den Start in den Tag. Kann nur besser werden…

Der Opa geht Plasma spenden

Letztes Wochenende habe ich meinen Mann mit einigen Kindern vor die Türe gesetzt. Es ging zuhause drüber und drunter. Mein Mann spielte mit den Kindern Fußball im Flur und die Emotionen kochten hoch. Keiner der Bengel kann verlieren und mein Mann schon gar nicht. Es endete in einem Mix aus Fußball, Rugby und Judo. Die diversen Beschimpfungen lasse ich einmal außen vor. Klassischer Fall von „Bis eins heult“. Also raus mit ihnen. Mein Mann fuhr mit ihnen auf eine Laufbahn und ließ sie sich austoben. Er selbst saß während dieser Zeit auf einer Parkbank in der Sonne neben seinem „Kleinen König“, unserem Fünfjährigen. Sie führten Männergespräche. Etwas Bewegung hätte ihm sicher auch nicht geschadet, aber gut.

Diverse Spaziergänger gingen an den beiden vorbei. Einer jedoch sprach die beiden an: „Das sieht man direkt, da sitzt der Kleine mit seinem Opa auf der Bank und genießt das Leben“. Die durchweg gute Laune der beiden trübte sich ein. Mein Mann drehte sich um und schaute nach hinten. Aber da war niemand. „Ich hoffe sie meinen nicht mich, oder machen einen Scherz“ antwortete er dem Fremden kühl. „Ach, dann sind sie wohl der Onkel?“ „Ne, die Biene Maja“. Jetzt war mein Mann angestachelt. „Wonach sieht es denn aus?“ „Der Vater vielleicht?“ Die Stimme des fremden Spaziergängers war nun eingeschüchtert. „Natürlich“ schaltete sich der Kleine König ein. Heimlich still und leise zog der Spaziergänger nun mit seinen Hunden von dannen. Mein Mann rief mich sofort an und meinte zu mir: „Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist“. Er erzählte mir alles im Detail und meinte: „War das nett?“ Wohl eher nicht, entgegnete ich und kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Meine Beschwichtigungen liefen ins Leere und bis heute denkt er darüber nach. Seine noch verbliebenen Haare kontrolliert er nun täglich. Bilder von hinten, aus erhöhter Position sind schon seit einiger Zeit nicht mehr gewünscht, da er seinen lichten Hinterkopf nicht akzeptieren will. Vor ein paar Jahren hatte er ein Bild von sich selbst am Tisch gesehen – von hinten. Entsetzen pur.

Mir erging es indes auch nicht besser. Die Kinder überzeugten mich davon, dass ich einen Instagram-Account bräuchte. Gesagt, getan. Ich legte ihn an und bekam nahezu postwendend eine Nachricht von einem „Vorname_Nachname_1995“-Account. Inhalt: Hallo, ich bin… und Single. Irgendwie süß, aber das Profilbild zierte das Logo des KSC. Damit ohnehin schon ein NoGo. Ich amüsierte mich königlich über die Nachricht und zeigte sie den Kindern. Daraufhin unser Ältester zu mir: „Mama, hast Du Dein Alter hinterlegt? Oder ein Bild? Dann bekommst Du solche Nachrichten garantiert nicht mehr.“ Kein Problem, das Testament ist mittlerweile von mir entsprechend angepasst worden. Mistkerl…

Für meinen Mann kam es aber noch schlimmer. Bei einem Spaziergang durch Koblenz entdeckte er vor Kurzem ein Zentrum für Plasmaspende. Dazu muss man wissen, bevor ich ihn kennenlernte, ging er regelmäßig zur Blutspende beim DRK. Im Laufe der Zeit kam er nicht mehr dazu, oder es ging unter. Wie auch immer, er war nun wieder bester Dinge und wollte etwas Gutes tun. Also hin und erstmal einen Termin zur ärztlichen Untersuchung vereinbart. Dabei kam Bluthochdruck zum Vorschein, klassisches Problem älterer Herrschaften. Auf die sonstigen „Altherrenkrankheiten“ gehe ich separat ein. Mein Mann entgegnete der Dame am Blutdruckmessgerät: „Ich gehe eher davon aus, dass ihre Messgeräte hier in die Jahre gekommen sind“. „So wie sie“ kam zurück. Die Begeisterung für’s Plasmaspenden war komplett dahin. Trotz allem ließ er sich zu einer Erstspende überreden. 1,5 bis 2 Liter Wasser sollte man im Vorfeld trinken. Wasser trinken und mein Mann, das ist an sich schon eine Geschichte für sich. Immer, aber wirklich immer, wenn er Wasser trinkt, endet das in einer wahren Pinkelorgie. Funktioniert lustigerweise nur mit Wasser. Pinkelorgie meine ich genau so wie ich es sage. Er trinkt ein Glas Wasser und gefühlte fünf kommen wieder raus. Das an sich wäre ja nicht so schlimm, der enge Zeitablauf jedoch macht es spannend. Nach dem Trinken passiert erstmal nichts, aber dann, so nach fünfzehn Minuten geht es los. Ich schicke ihn also auch immer mit den Kindern nochmal auf die Toilette bevor wir unterwegs sind. Es dauert keine fünf Minuten und wieder Pipi. Danach werden die Abstände kürzer, die WC-Odyssee beginnt.

Der Tag der Spende war gekommen, die Vorbereitungen starteten früh morgens. So gegen 8 Uhr begann mein Mann damit, Wasser zu trinken. Bis gegen 9 waren die ersten eineinhalb Liter getrunken. Noch war alles gut. Die Pipiorgie startete pünktlich wie immer und nach einiger Zeit schien das Problem gelöst. Er machte sich auf den Weg nach Koblenz. Nach genau 7 Minuten im Auto hielt er an und erleichterte sich am Straßenrand. „Hui, das ging gerade nochmal gut“ meinte er. Keine fünf Minuten später: „Ei ei ei, jetzt pressiert es aber“. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Autobahnparkplatz und los geht’s. Ich dachte wir kommen nie mehr an. Jetzt reichte es bis zu McDonalds an der B9. Keine zehn Minuten später, am LöhrCenter angekommen, im wilden Galopp auf die Toilette. Ich konnte nicht mehr an mich halten, ich musste so sehr lachen. Es ging nicht mehr. Der blanke Stress stand meinem Mann ins Gesicht geschrieben. Die Entfernungen wurden ab sofort nur noch in Toilettenstopps berechnet. Es war großartig, zumindest für mich. Jetzt waren es nur noch 10 Minuten zu Fuß bis zum Spendezentrum. Das sollte doch gehen. Weit gefehlt, jetzt wurde gerannt. Dort angekommen, ging es sofort auf die Toilette. Als wäre es noch nicht komisch genug, wurde ihm auch noch eine Capri Sonne angeboten, die er im Vorfeld der Spende trinken sollte. „Das lassen wir mal lieber“ meinte mein Mann, es sei denn sie verlegen auch Katheter während der Spende. Jetzt startete das übliche Prozedere vor einer Spende, jeweils nur unterbrochen von weiteren Toilettengängen. „Reiß dich mal zusammen, ist das peinlich mit dir“ schaltete ich mich ein. „Ich könnte schon wieder“ kam zurück. Interessanterweise konnte ich mir in allen Schwangerschaften anhören, dass ich mich diesbezüglich doch bitte nicht so anstellen solle. Die Problematik ist mir also bekannt. Mein Mitleid hielt sich allerdings massiv in Grenzen. Jetzt war alles zu spät, er wurde aufgerufen. Mein Mann gleich nochmal auf die Toilette. „Da kann doch jetzt wirklich nichts mehr kommen“ wurde ich deutlich. „Hast du eine Ahnung“ bekam ich als Antwort. „Geht es Ihnen gut?“ „Klar, etwas Harndrang, aber sonst alles in Butter“. „Das hören wir häufiger von älteren Herrschaften, das ist in ihrem Alter ganz normal“. Die Stimmung kippte. Erst als Opa tituliert und jetzt das. Er überstand die Spende ohne Unterbrechungen. Aber kaum war sie zu Ende, ihr wisst schon…

Der 1. FC Kaiserslautern

Mich hat Fußball nie groß interessiert wenn ich ehrlich bin. Meine einzige wirkliche Begegnung mit Fußball war als Kind im Dorf. Da um mich herum hauptsächlich Jungs waren, mit denen ich mich locker in allem messen konnte, war Fußballspielen auf dem örtlichen Bolzplatz natürlich ein Thema. Ich konnte zwar nicht spielen, aber foulen konnte ich hervorragend. Deshalb wurde ich auch immer ziemlich schnell in eine Mannschaft gewählt. Weniger aus Überzeugung, mehr aus Angst ich könnte in der gegnerischen Mannschaft auflaufen. Irgendwann begann ich auch meine Mannschaftskollegen zu foulen und musste deshalb ins Tor.

Als ich meinen Mann kennenlernte, machte der mir gleich folgendes klar: „Mein Beziehungsstatus ist weder verheiratet, vergeben, getrennt oder geschieden. Es ist der 1. FCK. Die einzige, ehrliche und ewige Liebe in meinem Leben“. Die nächste Frage war: „Wo kommst Du eigentlich her?“. Ich antwortete mit Baden. „Karlsruhe und Freiburg? Nicht Dein Ernst! Wenn Du mir mit sowas kommst, kannst Du gleich wieder gehen.“ Ich war einigermaßen irritiert, hatte ich doch mit Fußball so gar nichts am Hut. „Kein FCK-Fan? – Was es alles gibt“ kam zurück. Er akzeptierte den Status Quo. Mir wurde schnell klar, sich diesem Thema zu verschließen war unmöglich. Ich war an einen Fußball-Fanatiker geraten.

Irgendwann schlug ich ihm einen Wochenendausflug vor. „Wann?“ bekam ich zu hören. Ich nannte ihm das Datum und er fragte mich: „Spinnst Du? An diesem Wochenende ist das FCK-Stadionfest“. Also ging es hochschwanger auf den Betze. Mein Mann kaufte alles (Nukki, Fläschchen, Body, Strampler) Erhältliche in rot und weiß für seinen Erstgeborenen. Ich fand ein Trikot und suchte es in Neugeborenengröße aus. Auf dem stand geschrieben: „Moi erschdes Betze Trikot“. Ich dachte mir, wieso beschriften die hier alles auf französisch? Meine rudimentären Französischkenntnisse verrieten mir, dass moi auf deutsch ‚ich‘ heißt. Also habe ich bei der Verkäuferin nachgefragt: „Entschuldigung, gibt’s das auch auf deutsch?“ Der Skandal war perfekt, eine kleine Aufruhr inklusive. „Heere se mol Fräulein, das is Pälzisch. Mein erstes Betze-Trikot heißt das. Wo kumme sie dann her?“ Zu allem Überfluss hörte das auch noch mein Mann, der sich sofort einschaltete. „Die Dame ist ein Gelbfüßler und wird gerade von mir zivilisiert. Entschuldigen Sie bitte.“ Großer Gott war das peinlich.

Das Trikot habe ich immer noch und alle unsere 10 Kinder haben es getragen. Das war nur der Anfang, mittlerweile bin ich tief in der Materie und ebenfalls Fußball begeistert. Natürlich kein Vergleich zu meinem Mann. Und wie sollte es auch anders sein, die Emotionen haben sich auch auf die Kinder übertragen, auf alle Kinder. Auch auf die Kleinsten. Kein Wunder, in jedem Kinderzimmer hängt entweder ein FCK-Poster, ein Wimpel oder eine Fahne. Sie haben es praktisch mit der Muttermilch aufgesogen.

Warum betone ich das so? 7 Dauerkarten, Westkurve, ständig im Stadion, all das blieb nicht ohne Folgen. Mein Mann neigt dazu, vor einem Spiel, während eines Spiels und auch nach dem Spiel, zu Hause Fangesänge anzustimmen. Ach was sage ich, eigentlich überall. Mit dem Ergebnis, dass ich mich mittlerweile weigere, mit den Kindern einkaufen zu gehen. Die mehrfache Erfahrung, im LIDL, dm etc. zwei oder mehr Zwerge dabei zu haben, die zusammen die übelsten Fangesänge anstimmen, ist grenzwertig. Beispiele gefällig? „Wir lieben dicke Titt** und den Suff, wir gehen dreimal täglich in den Pu**“, oder auch schön, zum Relegationspiel vorletztes Jahr: „Dy-Dy-Dy-Dy-Dy-Dy-Dy, Na-Na-Na-Na-Na-Na, Mo-Mo-Mo-Mo-Mo-Mo-Mo, Sch Dynamo“, Ganz aktuell gerade: „Wir sind die Jungs aus Lautern, die Jungs vom FCK. Wir sch… auf Saarbrücken und pissen in die Saar“. Erstaunlich was kleine Kinder sich so alles merken können. Das ist nur eine kleine Auswahl, von diesen Gesängen gibt es viele, sehr viele. Inzwischen sprechen sie leider auch so deutlich, dass es jeder versteht. Schlimm ist das. Die Reaktionen aus Schule und Kindergarten ließen nicht lange auf sich warten. In den Pausen wurde so einiges angestimmt. Muss ich mehr dazu sagen? Mein Mann meinte: „Alle lieben den FCK, also wo bitte ist das Problem?“.

Mittlerweile fahren die Großen auch schon Mal alleine mit der Bahn zu den Spielen. Hier ein lieber Gruß an den weltbesten Ordner Willi Wolf, der immer ein Auge auf die Kinder hat. Mein Mann hat den Kindern auch direkt Tipps zur zukünftigen Partnerwahl gegeben. Bayern, Schalke, Dortmund, RB, LEV, Frankfurt, Gladbach, Köln, Mannheim, Saarbrücken, Freiburg, St. Pauli, Hoppenheim, Golfsburg, Mainz, KSC und auch alle anderen gehen gar nicht. Original-Zitat: „In der Westkurve stehen genug rum, da wird schon was Passendes dabei sein“. Falls es doch was anderes werden sollte, kein Problem, das Testament kann jederzeit flexibel angepasst werden, erläuterte mein Mann.

Wie auch immer, wir fahren zum DFB-Pokal-Finale nach Berlin, nur das zählt. Heute war Ausnahmestimmung, alle sind vor Freude ausgerastet. Alle Kinder sind textsicher und sangen ihre Freude raus. Die Einladungen zum Gespräch in Schule und Kindergarten lassen bestimmt nicht lange auf sich warten…

Klassik, sehr weit gefasst

Mein Mann war, bevor ich ihn unter meine Fittiche nahm, ein Kulturliebhaber sondergleichen. Klassische Konzerte hier, Opern da, Theateraufführungen dort, Kunstausstellungen. Selbst im Kino schaute er sich nur Filme auf „ARTE-Niveau“ an. Schwierig für mich, ihn davon wegzubekommen. Mittlerweile ist mir das sehr gut gelungen, denn zum einen wohnen wir in der tiefsten Provinz. Zum anderen hat er dafür gar keine Zeit mehr. Wie dem auch sei, hin und wieder findet er auch hier in der Umgebung etwas, was ihn an gute alte Zeiten erinnert. So ist er auf die Villa Musica aufmerksam geworden. Diese bringt interessante Künstler in die Region, verbunden mit Klassikern. So fand der die Violinsonate Nr.9, besser bekannt als Kreutzer-Sonate, und das Klavierquintett a-Moll von Camille Saint-Saëns interessant genug, sich das anzuhören. Also lud er mich auf ein klassisches Konzert mit Nachwuchskünstlern ein.

Dazu muss man wissen, mein Mann macht das regelmäßig. Er entführt mich aus dem Alltag und überrascht mich mit irgendwas. Dieses Mal eben ein klassisches Konzert. Also machten wir uns auf den Weg nach Engers ins Schloß. Der Rahmen passte und der Beginn des Konzertes auch. Die Darbietung der Kreutzer-Sonate gefiel uns und er war mit seiner Auswahl merklich zufrieden. Interessant war dabei, dass in den ruhigeren Passagen des Stückes dem ein oder anderen die Augen zu fielen. Bemerkenswert, denn es war erst später Nachmittag und selbst ich blieb wach.

An dieser Stelle noch einen schönen Gruß an den jungen Herrn (Anfang – Mitte 20) in der zweiten Reihe, der offenbar mit seiner Freundin samt deren Eltern in den Genuss des Konzerts kam. Seine Kleidung (Jeans und T-Shirt) ließen bereits vermuten, dass er klassische Konzerte nicht regelmäßig in seiner Freizeit besucht. Er war einer derjenigen, die das ruhige Stück nicht ohne Schlaf schafften. Aus meiner Sicht nicht tragisch. Blöd war nur, dass der Saal mit diversen großen Spiegeln ausgestattet war. Einer davon hing direkt gegenüber des genannten Herren und seinem Anhang, sodass jeder und zwar wirklich jeder seine wiederholten Nickerchen bestens beobachten konnten. Auch seine potentiellen Schwiegereltern. Ich wage die Prognose, dass die offenbar klassikbegeisterten Eltern anschließend ein Wörtchen mit ihrer Tochter gesprochen haben. Das war es vermutlich mit Papas Segen für ihn.

Als zweites Stück folgte ein Werk von Ulvi Cemal Erkin. Ein Komponist der meinem Mann gänzlich unbekannt war, noch. Dargeboten wurde sein Klavierquintett von 1943. Gleich zu Beginn wurden die ersten Zuhörer aus ihren Träumen gerissen und sehr unsanft geweckt. Die offensichtliche Skeptik meines Mannes verstärkte sich von Minute zu Minute. Erhoffte melodische Passagen – weit gefehlt. Es gab für ihn eher Verstörendes zu hören, ein wildes Durcheinander von Tönen, Klängen und Schlägen auf die Streichinstrumente. Wir kennen uns jetzt lange genug, ich wusste sofort, das geht nicht lange gut. Es gelang mir, ihn über die vier Sätze einigermaßen zu beruhigen. Danach kam die Pause und dann ging es los. Er sprach erst seine Sitznachbarn an und meinte: „Hat ihnen das Stück auch so gut gefallen? – ich fand es großartig.“ Viele Zuschauer waren ähnlich verstört, andere fanden es intellektuell inspirierend. Jedem das seine. Mich erinnerte es in Teilen an Hape Kerkelings berühmten Sketch mit ‚Hurz!‘ Ich bin allerdings nicht gerade für meinen Zugang zu klassischer Musik bekannt.

Mein Mann jedenfalls konnte sich nicht mehr beruhigen. Selbst auf der Toilette schlugen die Emotionen hoch. Wieder bei mir, meinte er:“ Super. Beethoven, Camille Saint-Saëns und als Gegenpol Erkin, fantastische Kombination. Wer denkt sich sowas aus?“. Seine Aggressionen mussten raus und er fragte mich: „Hat dich das Stück auch so bewegt, erstaunlich, du bist wach geblieben. Ich habe jetzt große Lust, ein Auto oder etwas Vergleichbares zu zerstören“. Er war nicht mehr zu beruhigen. Auch das Stück von Camille Saint-Saëns nach der Pause vermochte das nicht. Es ging munter weiter. Zum Glück war das Konzert dann beendet und ich konnte ihn davon überzeugen, nicht weiter auf dem Schlosshof wie ein Rohrspatz zu schimpfen.

Ich versuchte es mit einem Besuch in der Eisdiele. In der Hoffnung, dass ihn ein Eisbecher oder ein Milchshake wieder beruhigen könnten. Dort googelte er aber den Künstler Erkin und fand tatsächlich 68 Follower. „Das sind für mich die wahren Helden“ ging es weiter. Auf YouTube hörte er sich in der Eisdiele weitere Stücke des Komponisten in beträchtlicher Lautstärke an. Er war nicht mehr zu beruhigen. Einige Gäste schauten irritiert rüber. Antwort: „Das ist Erkin, ein Geheimtipp“. Ein Milchshake Banane beruhigte ihn zumindest vorübergehend. Wie immer trank er ihn nicht leer und schob mir den Rest zu. Ich trank ihn aus und schlürfte dabei versehentlich mit dem Strohhalm. Mein Mann hörte sich das an und meinte: „Du störst meinen Erkin-Musikgenuss und wenn schon, dann mach es richtig“. Er nahm mir das Glas samt Strohhalm ab und schlürfte in einer Lautstärke und Intensität, man macht sich keine Vorstellung. Meine Beteuerungen, ihn nicht zu kennen wurde ignoriert. Alle, wirklich alle schauten ihn und auch mich an. Und es ging munter weiter. Irgendwann mussten alle lachen. Bedienstete, Gäste, alle außer mir.

Man kann meinen Mann nirgends mit hinnehmen, nirgends. Immer passiert sowas. Nach dem Besuch in der Eisdiele ging es zurück zum Auto. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem schnuckeligen Restaurant vorbei und mein Mann bemerkte ein kleines Hungergefühl. Kein Wunder, nachdem er sich so aufgeregt hatte. Kurzum, wir gingen hinein und fanden ein ruhiges Plätzchen in der hintersten Ecke. Aufgrund des schummrigen Lichts bot der Wirt uns an, noch ein Licht einzuschalten. Daraufhin sagte mein Mann was zu ihm?? „In ihrem (sprich meinem) Alter ist weniger Licht immer besser.“ Lange gesucht bis ich sowas wie ihn gefunden habe…

Wir sind jetzt ganz offiziell zu alt…

unter anderem für einen Escape-Room. Vor kurzem waren mein Mann und ich in einem solchen. Dabei wurde uns schmerzlich bewusst, dass wir definitiv zu alt dafür sind. Wir waren so unfassbar schlecht. Spoiler: Wir haben es natürlich nicht in den dafür vorgesehenen 60 Minuten geschafft, nicht mal annähernd.

Die Einführung der freundlichen Mitarbeiterin hat das Ganze nur noch schlimmer gemacht. Sie meinte, dass sie uns die gesamte Zeit über eine Kamera beobachten wird und eigentlich nur einschreiten wird, wenn wir ‚hinter der Zeit sind‘. Kurzum nach 8 Minuten kam der erste von vielen, sehr vielen Hinweisen über den Bildschirm. Selbst damit kamen wir teilweise nicht wirklich weiter. Erst als irgendwann alle 4- 5 Minuten Nachrichten kamen und sie uns praktisch die Lösung vorgegeben hatte, konnten wir einen Teil der Rätsel lösen. Irgendwann meinte mein Mann, dass wir in unserem Alter besser ein Stück Kuchen essen gehen sollten. Der Schmach nicht genug, erbarmte sich unsere Spielleiterin nach Ablauf der 60 Minuten zu uns zu kommen und uns (noch mehr) zu helfen. Selbst mit ihrer Hilfe benötigten wir noch weitere 10 Minuten, um den Raum verlassen zu können. Ich glaube, es lag an meinem Mann. Er wiederum sieht die Schuld bei mir und stellte fest, dass die teilweise nicht so ganz guten Noten der Kinder dann wohl auf mein Konto gehen würden. Der Beweis wäre jetzt erbracht.

Zum Abschluss bekommt man noch ein Bild geschenkt. Für dieses soll man sich Schilder aussuchen, die man vor sich hält. Es gab Schilder mit dem Aufdruck ‚Winner‘, I’m the best‘, We saved the world‘ etc.. Wir haben uns wahrheitsgemäß für ‚Mr. Nobody‘ und ‚I’m stupid‘ entschieden. Bevor wir gingen, fragte ich blöderweise bei wieviel Minuten der Rekord zum Lösen unseres Raumes lag. ’28 Minuten‘ war die Antwort. Frustriert zogen wir von dannen. Zu unserer minimalen Ehrenrettung sei gesagt, dass man diesen Raum mit bis zu 10 Personen ‚bespielen‘ kann. OK, wenn die anderen 8 aber genauso schlecht sind wie wir…

Nichtsdestotrotz war es ein gelungener Abend. Wenn man es aus der richtigen Perspektive heraus sieht. Wir waren vor langer Zeit bei einem Auftritt des bekannten Psychologen Dr. Lütz mit seinem Bühnenprogramm ,(…) Irre, wir behandeln die Falschen‘. In diesem sagte er unter anderem, dass es völlig egal sei was man als Paar gemeinsam macht. Es kommt nur darauf an, dass man es zusammen erlebt und darüber reden kann. Das können wir!

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